Reise nach Jerusalem

Florians persönlicher Blog

Onetimer, Continuous Shots: Filmeinstellungen ohne Schnitt

Posted by Florian - 25. März 2007

Im Kino ist es meistens eine Schlüsselszene, in der es eine lange Kameraeinstellung ohne Schnitt gibt. Dass diese „Continuous Shots“ sehr kompliziert und aufwändig sind, kann einem auffallen wenn man mal ein „Making of“ gesehen hat. Eine Szene, die 10 bis 30 Sekunden lang ist, muss mehrfach gedreht werden weil der Darsteller den Text vergessen hat, im Hintergrund jemand hustet oder die Kameraeinstellung verrutscht.

Bei einem Onetimer muss alles sitzen. Die gesamte Szene wird minutenlang gedreht, die Kamera, meist eine Steadycam, bewegt sich durch das Set und vor, neben und hinter der Linse warten Darsteller auf den passenden Einsatz. Hochkonzentriertes Kino. Das erinnert fast an klassisches Theater, bei dem man auch nicht nach einem Versprecher noch mal neu anfangen kann. Dafür bewegt sich auf der Theaterbühne auch nicht der Zuschauer wie die Kamera nah am Geschehen.


Kürzlich habe ich bei Ehrensenf einen „Continuous Shot“ aus einem Martial Arts Film entdeckt, der etwa vier Minuten lang ist. Die Proben haben einen Monat gedauert und beim fünften Anlauf lief es schließlich perfekt. Warum vier Minuten? So lange läuft üblicherweise eine Rolle 16mm-Film durch die Kamera.

Das erinnerte mich an einen der ersten Onetimer, den ich gesehen habe: „Wannabe“ von den Spice Girls. In dem Video, das durch eine leichte, inverse Fischaugen-Optik auffällt, laufen die Spice Girls durch ein Hotel und singen ihren weltweiten Hit, springen, tanzen, laufen. Was erst beim näheren Hinsehen auffällt ist, dass es keine einzelne Einstellung ist, sondern drei Einstellungen, die nacheinander geschnitten sind. Das ist der aufwändigen Methode geschuldet. Die Schnitte wurden geschickt in Kameraschwenks versteckt.

Eine der schönsten Einstellungen in einem Kinofilm der letzten Zeit ist der „Continuous Shot“ am Anfang von Joss Whedons „Serenity“. Die CGI-Kamera fliegt auf das Raumschiff zu, das in die Atmosphäre eines Planeten eintaucht. Durch die Frontscheibe hindurch verfolgt man den Captain, der durch das gesamte Schiff läuft und die einzelnen Charaktere vorstellt.

Durch diese Einstellung bekommt man auch einen Eindruck vom Set, das tatsächlich ein großes, zusammenhängendes Labyrinth aus Gängen, Räumen und Luken ist. Wer wieder genau hinschaut, der wird beim Schwenk auf der Treppe nach unten einen versteckten Schnitt bemerken. Das Set ist nämlich zweigeteilt in eine Oberseite und eine Unterseite.

Die Königsklasse hat allerdings ein anderer Film verdient: „Timecode“. Der gesamte Film ist digital aufgezeichnet, womit man auch die vier-Minuten-Grenze des chemischen Films überwindet. Der Film ist ein einziger, 94 Minuten langer Take. Zum Beweis lief eine zweite Kamera mit einem Timecode parallel mit, die die erste Kamera beobachtet. Allerdings habe ich den Film nicht gesehen. Es soll der zweite Film überhaupt sein (neben „Russian Ark“), der mit einer Einstellung auskommt und abendfüllend ist.

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Eine Antwort to “Onetimer, Continuous Shots: Filmeinstellungen ohne Schnitt”

  1. bullion said

    Continuous Shot sind auch eine Spezialität von Scorsese (und Ballhaus). Der gelungenste befindet sich meiner Meinung nach in „GoodFellas“.

    Bereits Hitchcock hat ja versucht „Cocktail für eine Leiche“ (OT: Rope) schnittlos zu inszenieren. Aufgrund der technischen Einschränkungen (der von dir angesprochene Rollenwechsel) hat er die Schnitte dann versteckt. Auch heute noch ein beachtlicher Film!

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